Didaktische Zweifel

Kennt ihr den Moment, in dem euer berufliches oder persönliches Selbstverständnis durch einen kurzen Moment ins Wanken gerät? So einen Moment hatte ich vor Kurzem:

Am Ende der Woche ist es meine/unsere Aufgabe unseren Teamern ein Stück weiterzuhelfen auf dem langen steinigen Weg zum Erlebnispädagogen (Man, klingt das pathetisch!). Anhand der Woche sollen sie neben vielen anderen Dingen lernen, sich für ihre Arbeit Ziele zu setzen. Denn erst Ziele machen den Pädagogen zum Pädagogen, denn sie rechtfertigen sein Handeln. So dachte ich zumindest…

Jetzt bin ich, nach einem überraschenden Gespräch, zwar noch nicht ganz anderer Meinung. Aber ich bin unsicher. Wie kommt es dazu, obwohl doch die Didaktik pädagogischen Handelns und meine Reflexionsfreude mich immer ausgezeichnet haben?

Immer wieder haben wir Schwierigkeiten in der Arbeit mit unseren Kunden (Lehrern): Auf der einen Seite verlangen wir von unseren Teamern, dass sie sich Ziele setzen und diese natürlich mit den  Kunden abstimmen. Auf der anderen Seite haben aber die Kunden mit dem Setzen von Zielen erhebliche Schwierigkeiten: Erstens sind Lehrer dies längst nicht so geübt wie wir das erwarten. Zweitens sind sie nicht gewohnt diese in einem Team zu kommunizieren, da sie zwangsläufig alleine arbeiten. Drittens wissen sie nicht, welche Ziele mit der erlebnispädagogischen Methode zu erreichen sind und wie eine Kurswoche bei uns so aussehen kann. Dass dadurch Vorstellungen, Erwartungen und Arbeitsweise von Teamern und Lehrern nur in seltenen Fällen direkt zu einander passen, liegt auf der Hand.

Und leider führt das immer dann bei Teamern zu dem Gefühl „Der Lehrer hat überhaupt keine Ahnung!“, wenn sich diese Vorstellungen nicht innerhalb der ersten 1,5 Tage zusammenbringen lassen. In diesen Fällen sind wir als Leitung gefordert und reagieren mit zahlreichen Empfehlungen, wie man mit den Lehrern trotz alledem warm werden kann – ganz getreu der Kundenorientierungs-Maxime.  Und als Dank dafür müssen wir uns von den Teamern sagen lassen, dass wir den Lehrern „in den Arsch kriechen“…
Warum also all die Mühe? Warum der zwanghafte Versuch sich Ziele zu setzen, wenn die Kommunikation darüber alle Energie frisst, die Arbeit erschwert und im Endeffekt weniger Kapazität für die Kinder bleibt?

Darüber hinaus ist es schlichtweg vermessen, sich Ziele für eine Gruppe zu setzen, die man keine Sekunde gesehen hat – einzig anhand von Informationen, die der Lehrer am Telefon mitteilt. Wie oft dabei Leitung, Teamer und Lehrer – in der Annahme Gleiches zu meinen – auf einander trafen und ein großes Wunder erlebten, weil sie feststellen mussten, dass sie vollkommen aneinander vorbei geredet haben…

Und noch etwas: Versuchen sich dann Teamer und Lehrer in sehr kurzer Zeit zwanghaft darin, Ziele zu entwickeln, bilden den kleinsten gemeinsamen Nenner meist „Probleme“ bzw. „Defizite“. Fast pathologisch wird nach dem Außenseiter in der Gruppe gesucht, wird darauf rumgeritten, dass das Einhalten der Nachtruhe ja etwas mit dem „Respekt“ untereinander zu tun hat. Auf diese Weise werden die vielfältigen und ganzheitlichen (ja, ich weiß, das Wort ist ausgelutscht…) Möglichkeiten einer erlebnispädagogischen Woche aber  deutlich beschnitten. Eigentlich ist es verdammt unfair, wenn sich eine 30-köpfige Schulklasse „nur“ dem einen Problemthema wegen auf Klassenfahrt befindet und die ganz individuellen Entwicklungsmöglichkeiten jedes Einzelnen so sehr in den Hintergrund treten – einfach, weil sie als Ziel für den Pädagogen schwer greifbar und noch schwerer zu kommunizieren sind.

Wäre es also nicht viel besser, erlebnispädagogische Situationen möglichst offen zu halten und schlichtweg damit zu leben, dass die Wirkungen im Hintergrund nur zu Erahnen sind? Aber was schreibt man dann in die von mir so sehr geliebte „Konzeption“? Wie legitimiert man so seine Arbeit? Was zeichnet dann noch den Pädagogen aus?

Vielleicht, dass er Freude und Entwicklung der Kinder wieder in den Vordergrund holt, statt sich zu sehr mit den, sich selbst gesetzten Problemen zu befassen. Mal drüber nachdenken…

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One Response to Didaktische Zweifel

  1. Elisabeth Schmitz-Janßen sagt:

    Ich gebe Euch/Dir Recht, Lehrer haben nicht immer Ahnung, was Erlebisnpädagogik alles bewirken kann….als Pädagoge bitte ich deshalb dringend darum, die Euch anvertrauten Lehrer aufzuklären, beispielsweise, indem ihr mögliche Ziele als verschiedene Pakete vorab bekannt gebt und für eine Klassenfahrt zur Auswahl stellt; damit kann man dann vorab schon ins Gespräch kommen – oder vorab schon klären, dass die Auswahl der Ziele ganz Euerm besonders qualifiziertem Personal überlassen bleibt……
    Grüße in den Harz!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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