Sprachgeleitetes Blogging

Und? Hättest Du bei Facebook auf diesen Eintrag geklickt, auch wenn er kein Bild beinhaltet hätte?
Ich muss Dich enttäuschen – mit dem Bild hat er rein garnichts zu tun.

Und? Schreckt es Dich bereits ab, dass dieser Artikel einen zum „weiterlesen“ auffordert, obwohl man doch nur mal eben gucken will? Du hast keine Lust alles zu lesen?
Genau so geht es mir auch. Warum also tue ich mir und Dir das hier an?

Von mir gelesene Blogs beschäftigen sich gerade zunehmend mit „Art Directed Blogging“.
Um ehrlich zu sein: Eine feine Sache, die innovativ sein könnte. Denn die Gestaltungsfreiheit von Web-Inhalten zu erhöhen und sie so attraktiver, einzigartiger und schöner zu gestalten, kann wohl keine falsche Entscheidung sein. Und das eben dieses inspirierend ist, sieht man daran, dass sich zunehmend Blogger damit auseinander zu setzen scheinen und den Weg mitgehen.

Zwei Dinge bleiben dabei unberücksichtig:
Erstens widerspricht das „einfache“ Nacheifern eines solchen Trends nicht unbedingt dem Gedanken der Individualität. Insbesondere, wenn dann Blogs tlw. im Design nahezu identisch sind, führt das eher zu einem neuen Stil – nicht aber zu einer „kunst-gerichteten“ Darstellungsform.
Zweitens bleibt dabei eines unberücksichtigt: Attraktivität, Einzigartigkeit und Schönheit von Text. Sicherlich trifft das längst nicht auf jeden optisch gut gestalteten Blog zu und sicherlich werden Blogs auch (noch) ihrer Inhalte wegen gelesen. Und doch muss man beim Lesen einiger Texte sich doch sehr wundern, wie das zentrale Element Schrift – obwohl essentielles Kernstück eines Blogeintrags – vernachlässigt wird. Ja, für das Verständnis der deutschen Rechtschreibung und Zeichensetzung habe auch ich einen etwas längeren Anlauf benötigt. Aber ich verwende sie bewusst – ob nun richtig oder „artisitc“. Blogeinträge, die Seitenweise ohne Kommata auskommen; Smartphone-Blogger, die aus Bequemlichkeit bereitwillige eine deutliche Zunahme an Tippfehlern in Kauf nehmen; Sätze, deren Inhalt sich nur erschließt, weil man gnädig über die falsche Verwendung der Buchstaben „d“ und „t“ hinwegsieht; … (man ergänze diese Liste entsprechend der eigenen Erfahrungen)

Schade.
Schade, dass auch ich keine Ausdauer mehr habe, Zeit und Energie in Geschriebenes zu stecken.
Schade, dass ich nicht öfter ein Semikolon verwende und somit zum Aussterben eines Satzzeichens beitrage; auf diese Weise die deutsche Sprache zwar vereinfache, ihr zugleich aber auch Gestaltungmöglichkeiten nehme.

Wo wir wieder bei „Art Directed Blogging“ sind: Ja, es macht Sinn sich von Thema und Anspruch des Eintrags leiten zu lassen. Und ja, dafür tut es gut, der optischen Standard-Blog-Form zu entfliehen. Es ist die kritische Frage zu stellen: Wie viel ist künstlerischer Anspruch; wie viel ist Bequemtlichkeit und Resignation gegenüber einem Instrument, was Autor und Leser den Umgang mit Sprache zumutet.

Vielleicht ist es aber auch nur meine eigene Bequemlichkeit, dass ich hier auf meinen Neid mit einem Contra reagiere. Neid darüber, dass ich mich nicht selbst dieser Gestaltungsmacht bedienen kann/will (technisch, zeitlich). Und das bietet eine elegante Überleitung zu einem, wenn auch inhaltlich wenig zum Artikel, dafür aber gut zum Leben passenden Zitat eines Sprach-geleiteten-Schreibers:¹

„An den Zugängen zum Unglück stehen goldene Worte als Wegweiser. Und aufgestellt werden sie vom gesunden Menschenverstand (…). Grundsätzlich handelt es sich um die Überzeugung, dass es nur eine richtige Auffassung gibt: die eigene. Und ist man einmal bei dieser Überzeugung angelant, dann muss man sehr bald feststellen, dass die Welt im argen(sic!) liegt. Hier nun scheiden sich die Könner von den Dilettanten. Letztere bringen es fertig, gelegentlich die Achseln zu zucken und sich zu arrangieren. Wer sich selbst und seinen goldenen Worten dagegen treu bleibt, ist zu keinem faulen Kompromiss bereit.“ (Watzlawick, 2007, S.18)

_____________
¹ Vielleicht soll das Zitat aber auch etwas anderes als inhaltlich passen. Etwa den Text um rücksichtslos um werthaltige Aussagen erweitern. Oder den Eintrag länger machen und so die Aussage des Eingangs forcieren. Angenommen es wäre tatsächlich unpassend bis unnötig: Es bliebe wahr und wiedergebenswert.

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