Parallelwelt – erste Versuche

Jetzt, wo ich stolzer Besitzer eines Stativs von Manfrotto bin, wollte ich natürlich ausprobieren, was damit alles möglich ist. Dabei bin ich dann unter anderem auf die Infrarot-Fotografie mit Hilfe von entsprechenden Filtern gestoßen.

Ein spannendes Erlebnis aus mehreren Gründen:

1. Der Ablauf des Fotografierens

Zunächst wählt man ein Motiv und baut das Stativ auf – soweit klar.
Dann ist natürlich wichtig scharf zu stellen; und schon wird’s anders. Denn scharf stellen kann man nur, wenn der Autofokus, oder man selbst etwas sehen kann. Mit Infrarot-Filter (in meinem Fall 950nm) sieht man null-komma-nichts, was ja gerade Sinn der Sache ist, weil er nur die nicht sichtbaren langwelligen Strahlen durchlässt. Also Filter abgeschraubt, scharf gestellt und Filter wieder auf’s Objektiv, ohne durch zu starken Druck die Brennweite und damit natürlich auch die Schärfe zu verstellen.
Als nächstes kommt dann die spannende Frage: Wie soll ich denn belichten? Auch hierfür fehlt der „Blick“. Man ist durch die Automatik der Kamera schon sehr verwöhnt, denn sie zeigt einem immer schön an, ob das Bild wohl über- oder unterbelichtet ist und schlägt entsprechende Blenden bzw. Belichtungszeiten vor. Blende also möglichst weit auf (bei mir dann oft 4,0 – was sich natürlich in der Tiefenschärfe bemerkbar macht…), ISO auf kaum erträgliche 1600 – es soll ja Licht rein in die Kamera. Und dann heißt es „Vorhang auf“. Da meine Kamera max. 30“ selbstständig belichtet, muss ich händisch auslösen und „gedrückt halten“.
Insgesamt kommt man sich vor, wie ein Fotograf um die vorletzte Jahrhundertwende und es wird einem schlagartig bewusst, welche Leistung es ist, so konzentriert und aufwändig zu fotografieren. Leider entspricht das Bildergebnis auch diesem „Jahrhundertgefühl“: unscharf, verrauscht und kontrastarm. Und trotzdem ein spannendes und zugleich zufriedenes Gefühl, denn man weiß vorher nie, was am Ende raus kommt.

2. Eine Parallelwelt

Die wesentlichen Unterschiede zu „normalen“ Fotografien sind der deutlich dunklere und kontraststarke Himmel und die schneeweißen (Laub)bäume.* Beide sind auf meinen ersten Versuchen leider nicht so besonders ausgeprägt; im Netz finden sich dazu aber eindrucksvolle Aufnahmen.
Für mich bietet insbesondere die Darstellung des Himmels eine große Chance, Wolkenformationen abzubilden, die in der „Realität“ zu verschwommen sind, um sie voneinander abzuheben. Ich bin hier noch zu keinem wirklich befriedigenden Ergebnis gekommen, denn durch die langen Belichtungszeiten verwäscht jede Struktur. (Andere Fotografen bauen dafür den Infrarot-Sperrfilter der Kamera aus… noch ist mir der Preis für eine manipulierte Zweitkamera aber zu hoch.)
In jedem Fall entstehen aber faszinierende Aufnahmen: Die hellen Bäume sind gespenstisch und geben dem Bild einen erstaunlichen Charakter. Es ist abgefahren, wie ein, bei helligten Tageslicht aufgenommenes Bild durch das Zusammenspiel von Himmel und Pflanzen wirkt, als entstamme es einem Traum (und hier können verwaschene Wolken durchaus zuträglich sein). Bleibt das für den Betrachter „nur“ ein weiterer Effekt von Bildbearbeitung (der sicherlich verlustärmer in Photoshop herzustellen ist), ist es für mich als Fotograf ein spannendes Erlebnis: Immerhin bildet das Foto das ab, was da ist, aber nicht gesehen werden kann – etwa wie eine Geisterwelt, eine andere Sphäre.
Klingt verrückt, fühlt sich aber genauso an.

3. Die Nachbearbeitung

In der Nachbearbeitung der Infrarot-Bilder bin ich wirklich überfordert! Im Normalfalle hat das Bild einen Charakter, der sich durch Rumexperimentieren erschließt. Immer ist die Kunst einen Punkt zwischen „out of the camera“ und „kitschiger Übertreibung“ zu suchen, der dem Motiv gerecht wird. Wenn ich die Infrarot-Bilder so lasse, wie sie aus der Kamera kommen, dann habe ich ein Bild ähnlich dem obigen (hier habe ich nur die „Grünflächen“ etwas bläulicher gemacht, um den Unterschied hervorzuheben – insbesondere zum reflektierenden Dach).
Die Farbwahl entsteht dabei (auch) durch den automatischen Weißabgleich der Kamera. Für mich wirkt die Wahl dieser Einstellung, wie eine Mischung aus technischer Ignoranz und Überforderung – so als wäre die Kamera unsicher und würde sich dann auf ein pragmatisches Mittelmaß einlassen.
Aber ist die „Parallelwelt“ wirklich so rosarot? Viele andere Infrarot-Fotos im Netz sind in schwarz-weiß gehalten; vermutlich, weil so die Kontraste am deutlichsten hervorzuheben sind. Ich bin mir noch unschlüssig, was ich davon zu halten habe. Das aufgenommene Infrarotlicht verbinde ich mit durchdringender, unsichtbarer Wärme und s/w hat für mich immer eine gewisse Kälte. Auf der anderen Seite fühle ich mich bei der Bearbeitung der Bilder wie in einem Drogenrausch: sobald ich einen Regler verschiebe, verändert sich auf unvorhersehbare Art und Weise auch die Wirkung des Bildes.
Ich nehme es als spannende Herausforderung. Denn irgendwie bin ich gefordert, aus den Bildern etwas Besonderes zu machen. Denn sonst bleiben es schlicht umständlich geschossene, unscharfe und wenig aussagekräftige Fotos aus meinem Garten…

 

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* Warum eigentlich nur Laub? Die vielen Harzer Fichten scheinen viel weniger Infrarot-Strahlung zu reflektieren. Spannend.

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3 Responses to Parallelwelt – erste Versuche

  1. Ich selbst habe noch nicht mit Infrarotfiltern fotografiert, finde Deine Selbsterfahrung sehr spannend und bin gespannt, wie es weitergeht.
    LG Michel

  2. Rob sagt:

    Ja, mal sehen. Ich werde in jedem Fall dranbleiben, denn ich glaube da steckt noch Potential drin.
    Zu dem, was ich bei dir so auf den ersten Blick an Fotos sehe, könnte das auch gut passen und neue Sichtweisen bringen. Bei den Makros (Blumen, Pilze…) kann Infrarot aber – meiner Erfahrung nach – schwer werden, weil in Bodennähe oft weniger Licht ankommt und kleinste Verwackelungen sich sofort bemerkbar machen. Aber sag niemals nie!

  3. Rob sagt:

    Mittlerweile habe ich herausfinden können, warum meine Ergebnisse so unbefriedigend sind: Die langwelligen IR-Strahlen verhalten sich im Objektiv anders als die normalerweise sichtbaren. Das führt dazu, dass (abhängig von der gewählten Brennweite) sich der Fokus leicht verschiebt.
    Wenn man das weiß, kann man ihn entsprechend manuell korrigieren. Die Abweichung herauszufinden war aber ein Kampf mit ellenlangen Belichtungsreihen. Ich habe dann das schärfste Bild ausgewählt und mir die abweichende Schärfeneinstellung abgeschrieben.
    Außerdem bleibt das Problem der langen Belichtungszeit, weswegen die neuen IR-Fotos auf Flickr auch einige Bewegungsunschärfen haben. Aber das lässt sich ja auch künstlerisch nutzen…

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