Warum ich kein Stadtmensch (mehr) bin?

Anlässlich meines Heimatbesuchs in Düsseldorf begab ich mich in die große Stadt, um nach dem ein oder anderen Weihnachtsgeschenk Ausschau zu halten. In weiser Voraussicht habe ich den größten Teil der Weihnachtsgeschenke bereits im Vorfeld organisiert. So ist der Stadtbummel für mich eher ein Stöbern als ein konkretes Suchen.

Dass ich dabei leider nicht auf das Erhoffte gestoßen bin, lässt sich verkraften. Wieder einmal wurde mir aber bewusst, warum ich kein Stadtmensch (mehr) bin. Hier einige ausgewählte Anhaltspunkte:

 

Verkehr

Auto

In der Regel wähle ich die U-Bahn. Sollte es sich aber nicht vermeiden lassen, z.B. weil ich übergroße Dinge transportieren muss, dann stelle ich mich dem Kampf.

Autofahrer mögen das individuelle und unabhängige Fortbewegen, die Freiheit und Bequemlichkeit. Dass sie sich mit dieser Entscheidung unbeabsichtigt einem karosserieten Volksaufmarsch preisgeben scheinen die meisten dabei zu vergessen bzw. nicht wahrhaben zu wollen. Schimpfend und ungeduldig drängelnd schieben sie sich in jede sich bildende Asphaltlücke – und sei der spontan entstehende Raum auch nur der Gelbphasenüberhang auf der vierspurigen Kreuzung. Einer wundersamen Brotvermehrung gleich geben sie so den Unmut an die rechtwinklig betroffenen Mit-Individualisten weiter, halten aber zeitgleich ihren eigenen aufrecht. Beeindruckend.

Sollte sich gerade keine Gelbphase ergeben (z.B. weil sich die dahinrollende Blechlawine dem Tempo zweier aufeinander folgender Grünwellen angenähert hat), helfen Nicht-mit-dem-Auto-Weihnachtsgeschenke-Käufer gerne aus: Auf einer ca. 5 km langen Autofahrt musste ich insgesamt 6 auf der rechten Spur stehenden, warnblinkenden Lieferfahrzeugen (1x GLS, 2x UPS und 2x DHL) ausweichen. Mein penibles Reißverschlusssystem-Einhalten und wurde dann auch mit lautstarkem Hupen und Zuwinken honoriert.

Und weil es gerade so schön zum Thema Auto passt: Mit seiner Differenz von 137 Höhenmetern zwischen Hubbelrath und Wittlaer scheint Düsseldorf die Einwohner zu nötigen, PS-starke Allradgeländewagen zu fahren. Ich durfte als Passant Zeuge zweier beeindruckender Einparkversuche von Frauen werden (hier besteht kein zwingend kausaler Zusammenhang, schlicht in dieser Form beobachtet), die jeweils nicht wahrhaben wollten, dass ihr Fahrzeug breiter als die Parklücke ist. Schön war auch der Moment, als am Hauptbahnhof ein Handwerker nur auf Zehenspitzen stehend an die Ladefläche seines Hummer kam, um dort zwei Schraubendreher hervorzufingern.

 

ÖPNV

Ironie der schicksalhaften Fehlentscheidung Auto: Die Düsseldorfer Straßen scheinen seit kurzer Zeit primär den Zweck zu erfüllen, die Autofahrer von einer U-Bahn-Großbaustelle zur nächsten zu geleiten. Beim nächsten Stadtbesuch wählte ich also die Bahn:

Mittlerweile hat die Rheinbahn die Fahrkartenautomaten an den Haltestellen abgebaut, um den bisher ungenutzt gebliebenen Raum in der Mitte der Bahnwagen mit neuen Edelstahlautomaten zu füllen. Dankenswerterweise hat sie sich im Zuge dessen der Unterstützung der lange verschmähten Geldkarte verschrieben und die Bezahlmöglichkeit mit Scheinen ihr zuliebe abgeschafft. Die Unattraktivität des Kleingeldeinwurfs erreicht man durch einen Fahrpreis von 8,40€ (4er Ticket, Erwachsene, Stadtgebiet).

Die Folgen der Entscheidung, Fahrkartenautomaten in die Bahn zu verlegen, durfte ich dann wenig später beobachten, als eine Rollstuhlfahrerin in die Bahn geschoben wurde und aus Mangel an Alternative im Eingangsbereich stehen blieb. Dass sie damit den ein- und aussteigenden Fahrgästen ein Hindernis bietet, muss sie dabei billigend in Kauf nehmen. Sicherlich darf das Gefühl von verschiedenen Seiten „beklettert“ zu werden als äußerst unangenehm vermutet werden. Es stieg sogar noch, als eine schwer bepackte Dame den Ausstieg nicht rechtzeitig schaffte, weil sie beim Kletterversuch die zurückhaltende Kraft von, um Rollstuhlgriffe gelegte Einkaufstütenhenkel unterschätzte. Schade.

Angekommen im dicht befahrenen Stadtzentrum wurde ich Zeuge eines lang vergessenen, aber wohl allseits bekannten Tanzes. Bei jedem Halt schieben sich Passagiere von den hinteren Plätzen Richtung Ausgang und versetzen dabei die Bahnfahrergemeinschaft in wellenartige Bewegung. Dabei kristallisieren sich schnell zwei unterschiedliche Tanzstile heraus:

1. „Gallertartige Masse“
Der Tänzer der Gattung „Gallertartige Masse“ versucht sein Körpervolumen in kurzer Zeit zu komprimieren und es in eine zuvor nicht bemerkte Lücke zu schieben. Dass eine Menge aus mehreren Tänzern dabei meist zwar einen Weg frei gibt, den anderen aber durch ihre angespannten und gut sortierten Körper blockiert, scheint ein unvermeidbares Übel zu sein.

2. „Weg des geringsten Widerstandes“
Tänzer die ihre Stärke eher in der Flexibilität und Nachgiebigkeit sehen, weichen durch die aufgeklappten Türen auf den Bahnsteig aus und positionieren sich in einer, nach außen gewandten Drehbewegung geschickt links und rechts des Eingangs wie die Argonath des urbanen Untergrunds. Sie führen dann mit flinken Schritten die kurz darauf folgende Prozession der Einsteigenden an.

Neben den beiden Ausstiegstänzen gibt es auch ein Einstiegsritual: Bei einfahrender Bahn finden sich überraschend schnell Passagiergruppen an der Bahnsteigkante ein, die zunächst der Bahn entgegen und dann bei verlangsamter Fahrt mit ihr mit laufen, um sich einen guten Platz vor einer Tür zu sichern. Sie kommen damit ihrer adventlichen Verantwortung nach, den öffentlichen Personennahverkehr zu entschleunigen und gleichzeitig mehr (körperliche) Nähe zu den aussteigenden Fahrgästen herzustellen. Toll.

 

Kaufhäuser

In der Stadt angekommen führte mich mein Weg zunächst in ein großes Kaufhaus. Draußen bildete der Regen an jeder Fußgängerampel in den Spurrinnen der Straßen mittelalterliche Burggräben, die unmöglich trockenen Fußes zu überschreiten waren.  Und meine auf mittelgebirgigen (trockenen!) Schnee ausgelegte Daunenjacke weichte zusehends auf, nachdem eine zweckentfremdete Sonnenschutzmarkise unter ihrer nasskalten Last zusammenbrach und diese auf mich und das Trottoir erbrach. Also, ab ins Trockene.

Wieder einmal bin ich dem altbekannten Irrtum erlegen, dass die trockene Wärme eines Kaufhauses ein angenehmes Gefühl ist. Augenblicklich nach dem Durchschreiten des Torluftschleiers schiebt sich stickige Wärme von der plötzlich viel zu warmen Jacke bis unter den Pony und trägt dabei immer die Frage mit sich: Warum? Warum müssen sich ungezählte Kunden aus Ermangelung einer Garderobe vollbepackt und winterlich gekleidet durch die viel zu engen Gänge zwängen? Lässt sich so wirklich mehr verkaufen?

Ich bahne mir also meinen Weg durch Reisekoffer, Parfüms und Goldschmuck bis zur Rolltreppe, um in die oberen Etagen zu Büchern, Spielzeug, Technik und Musik vorzustoßen. Die zielstrebig hinter mir gelassene „Welt der schönen Dinge“ im Erdgeschoss ist mir ein Rätsel: Ist sie nicht nur eine Ansammlung an schlecht verkäuflichen Teuerheiten? Wahrscheinlich hofft das Kaufhaus darauf, dass Einkäufer auf dem Weg zur Rolltreppe mit ihren nassen Daunenjacken „Tinnef“ aus den Regalen reißen, der dann leider gekauft werden muss, weil er sich beim Aufprall auf dem regennassen Kaufhausboden spontan entscheidet zu zerbrechen?

Oben angekommen dann Erstaunen: All die nützlichen und freudebringenden Dinge, die ein Kaufhaus einst zu bieten hatte, wurden durch 2 Etagen mit kunstfellbegkragten Tommy Hilfiger – Jacken und rosanen Polohemden für 50€ das Stück abgelöst. Ich befahl mir also den taktischen Rückzug.

 

Menschen

An der nächsten Kreuzung wurde ich dann Zeuge einer cineastisch anmutenden Schlachtaufstellung:
Die rote Ampel wies die Soldaten gleichsam einer winkenden Befehlsflagge an, wieder Reihenformation einzunehmen. Auf beiden Seiten der Straße fand sich in kurzer Zeit ein aufgestauter Mob, der unruhig von einem Bein auf’s andere trat. Als wäre ein Pfeilhagel auf die ersten Reihen niedergegangen drängten diese nach hinten, als ein Bus Schneematsch auf sie schleuderte. Doch die Reihen hielten stand. Mit lockerer Handbewegung schnippte ein Vater seine Zigarettenkippe über den Kinderwagen hinweg auf die Straße (in ihm saß offensichtlich der 2-jährige Armani-Mützen-behelmte Königssohn); wahrscheinlich nur, um sich in lässiger Art Mut zu machen, befand sich doch der Mülleimer direkt rechts von ihm auf Ellbogenhöhe. Auf das erwartete Grünzeichen hin stürmten die Armeen aufeinander zu, keine gewillt auch nur einen Meter Raum zu geben. Um langwierigen Gefechten zu entgehen, entschied ich mich für den Weg über die rechte Flanke und erreichte unbehelligt die andere Straßenseite.

Ich entschied mich für einen Besuch in einem Einkaufszentrum und steuerte als Belohnung für mein bisheriges Überleben auf eine Speiseeistheke zu. 1€ pro Kugel sollte ich dort für „Premium-Eis“ bezahlen, immerhin kamen die hochwertigen Zutaten aus noch hochwertigeren Regionen: Die Haselnüsse z.B. aus Piemont (vermutlich gibt es sie dort genausowenig wie Kirschen) „um nur einige zu nennen“ (Zitat auf dem entsprechenden Hinweisschild). Wow. Ebenso wie alle anderen war ich bereit für nachgewiesene Qualität den Preis zu zahlen. Dass der Blick des Eisverkäufer nicht auf mir, sondern dem Gesäß einer vorbeigehenden überschminkten 16-jährigen ruhte, war für mich ein Grund zur Beruhigung: Griff er sich doch zeitgleich mit der unbenutzten linken Hand sortierend in den Schritt.

 

Sicherlich ließe sich dieser Erlebnisbericht noch erweitern. Ich möchte auch noch einmal betonen, dass es sich genauso – wenn auch der komplizierteren Lesweise wegen rhetorisch ausgeschmückt, umsortiert und prosaisch komprimiert – zugetragen hat.
Wer bis hierher gelesen hat, hat Respekt und Anerkennung verdient! Danke.

 

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten allerseits!

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2 Responses to Warum ich kein Stadtmensch (mehr) bin?

  1. Steffen sagt:

    Wie heisst das Plugin rechts ? Das brauche ich auch!

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